Die Suche nach dem richtigen Zuchtrüden

Die Suche nach dem richtigen Zuchtrüden

von Tom Horner


Züchter, die hoffen, mit ihrer Zuchtlinie der Rasse einen bleibenden Stempel aufzudrücken, so dass sie besser wird, sollten für die Suche nach dem besten Zuchtrüden für ihre Hündinnen mehr Zeit aufwenden als für irgendetwas anderes. Will man in der Hundezucht etwas leisten, darf man sich nie mit Halbheiten zufrieden geben, sondern muss sich seine Ziele hoch genug stecken. Es braucht schon einige Anstrengungen, wenn man mit den erzüchteten Tieren nicht unter den Rassedurchschnitt fallen will. Wie viel mehr aber muss man einsetzten, wenn man über den allgemeinen Durchschnitt hinausgehen will?


Die Stärke eines Zwingers liegt in seinen Hündinnen.


Bevor man überhaupt auf die Suche nach einem guten Zuchtrüden geht, sollte man daran denken, dass die Stärke eines Zwingers immer in seinen Hündinnen liegt. Es kostet einen Züchter keinen Rappen mehr, wenn er nur allerbeste Zuchthündinnen hält und füttert, mäßig ist oder gar darunter liegt. Wer ein ernsthafter Züchter sein will, wird seine Zucht nie auf mittelmäßigen oder fehlerhaften Tieren aufbauen, so sehr er auch an ihnen hängt. Er sollte den Mut haben, um sie in geeigneter Familie zu platzieren, denn Sympathie für ein Tier ist kein ausreichender Grund, um mit ihm zu züchten. Verantwortliche Zucht basiert auf objektiv feststellbarer Qualität und nicht auf menschlichen Gefühlen. Die meisten Hündinnen, die für die Zucht nicht geeignet sind, werden in einer Familie glücklicher sein als beim Züchter, weil sie dort mehr Liebe und Zuwendung erfahren als da, wo sie alles mit mehreren Hunden teilen müssen.


Das man nie etwas Geringeres als einen erstklassigen Rüden für seine Nachzucht brauchen sollte, ist eine feste Regel, die kaum je gebrochen werden soll. Es gibt eine einzige Ausnahme, und die gilt dann, wenn ein Rüde aus an sich sehr guter Zuchtlinie zwar selber nicht so in die Augen sticht, jedoch nachweislich hervorragende Nachkommen erbringt. Wenn ich hier sage „hervorragende Nachkommen“, meine ich dies wörtlich, und nicht bloß im Allgemeinen zufriedenstellende oder gute! Noch dann ist dies ein Risiko, denn alle Ahnentafeln der Hunde, auf die man die Zucht aufbauen gedenkt, werden in der Folge auf diesen Rüden zurückgehen, und der Name eines unbekannten Rüden auf den Ahnentafeln kann ein Nachteil sein – wenigstens für die Kenner der Rasse. So ist es zu überlegen, ob man sich nicht doch besser nach einem wirklich hervorragenden Tier umschaut.


Schon vorhandene Qualitäten festigen


Hat ein Züchter eine gute Hündin, von der er gerne etwas noch Besseres erhalten möchte, dann wird er bei näherer Prüfung vielleicht feststellen, dass deren Vater das qualitativ bessere Tier ist als deren Mutter. In diesem Fall ist das Beste, was er tun kann, die mit dem besten Sohn des Vaters – aus einer guten Hündin – zu paaren. Das wäre also ein Halbbruder der Hündin. Der Vater ist dann das beiden gemeinsame Ahnentier. So kann er die hohe Qualität dieses Vaters in seiner Linie festigen. Die Nachkommen werden dann mit ziemlicher Sicherheit nahe an der Qualität des hervorragenden Vaters herankommen oder diese vielleicht sogar übertreffen

Stammt die Hündin aber von einer hervorragenden Mutter aus guter Linie ab, sollte der Züchter auf die Mutter der Hündin zurück kreuzen, das heißt, er sollte sie mit dem besten Sohn dieser Mutter paaren. Das sind auch wieder Halbbruder und Halbschwester, doch ist diesmal die Mutter der gemeinsame Ahne. Auf diese Weise kann er die hohe Qualität der Mutter in seiner Linie festigen. Dabei muss man sich für das eine oder andere Tier respektive dessen Linie entscheiden, nie sollte man versuchen, gleichzeitig das Beste aus zwei Zuchtlinien in eine Zucht zu bringen. Man kann auch zu gescheit sein wollen! Ähnliche Paarungen nach dem System der Linienzucht können auch gute Resultate ergeben, zum Beispiel eine Hündin mit ihrem Großvater oder einem Großsohn, die Nichte mit dem Onkel, die Tante mit dem Neffen paaren. Je mehr der Verwandtschaftsgrad aber verwässert wird, desto weniger gut oder voraussagbar sind die Ergebnisse. Paarungen weniger nah verwandter Tiere können zwar auch Verbesserungen bringen, doch sind sie nie so zuverlässig. Ganz besonders dann, wenn der gemeinsame Ahne der beiden Halbgeschwister ein besonders hervorragendes Tier ohne schwerwiegende Fehler ist (auch an sich hervorragende Tiere haben oft störende Fehler, wo der Züchter entscheiden muss, ob er sie mit in die Zucht bringen will oder nicht) und die beiden anderen Vorfahren auf zwei nichtverwandte Linien zurückgehen, ist fast immer mit einem Erfolg zu rechnen. Viele der berühmtesten Zuchten haben ihre Linie auf diese Paarungskombination aufgebaut.


Bei klugem Aufbau einer Zucht nach den Prinzipien der Linienzucht sind die Chancen für eine Verbesserung unendlich viel größer als bei ständigem Kreuzen von Tieren, die nichts gemeinsam haben als vielleicht einen Championtitel, das heißt die keine gemeinsamen guten Ahnen haben. Kreuzungen zwischen nicht verwandten Tieren sind immer nur ein Schuss in die Dunkelheit. Sie sind um nichts zuverlässiger als die Chance, das große Los zu gewinnen, wenn man an einer Lotterie teilnimmt. Hie und da kann ein Züchter einen Glückstreffer ziehen, doch aus den weitaus meisten Fällen fallen die Tiere viel schlechter aus, als man gehofft hatte. Bei klugem Zuchtaufbau nach den Prinzipien konsequenter Linienzucht kann man gerade diese unerwarteten Verschlechterungen der Nachzucht erheblich vermindern, denn dadurch vermindert man die Anzahl der auf den Wurf erbmäßig einwirkenden Vorfahren. Auf der Ahnentafel der Welpen werden einige Tiere immer häufiger auftreten, je weiter man mit der Linienzucht fortgeschritten ist. Die Möglichkeit, dass ein unpassender Außenseiter die einmal gefundene Linie ungünstig verändert, wird immer kleiner. Wissenschaftlich ausgedrückt heißt das: Je kleiner der Gen-Pol (der Vorrat aller in der Linie wirkenden Gene), desto geringer die Variationsbreite, desto größer also die Chance, dass der Züchter das bekommt, was er anstrebt, vorausgesetzt natürlich, er hat von Anfang an weise gepaart.


Engste Linienzucht, wie die Paarung von Vollgeschwistern, sollte der durchschnittliche Züchter nicht versuchen. Um auf diese Weise wirklich zu etwas zu kommen, braucht es jahrelange Erfahrung. Engste Inzucht kann hie und da einen durchschlagenden Erfolg bringen, weit häufiger jedoch bringt sie Verdruss. Engste Linienzucht bringt ja überhaupt nichts Neues in die Linie. Hier werden die Gene, zum Guten oder zum Schlechten, einfach nur konzentriert. Häufig gewinnen die Unerwünschten die Oberhand und der Züchter gerät in echte Schwierigkeiten.


Fehlendes einkreuzen


Wenn einer Zuchtlinie irgendeine erwünschte Eigenschaft fehlt, kann sie durch die Verwendung eines Rüden hereingeholt werden, der gerade diese Eigenschaft besonders ausgeprägt aufweist. Der Züchter kann sich dann über eine oder zwei Generationen nach den Prinzipien der Linienzucht eine Linie aufbauen, die enthält was er braucht und dies auch sicher vererbt. Erst dann paart er seine bisherige und die neue Linie wieder zusammen. Auf diese Weise kann er mit etwas Glück das, was seiner Linie noch fehlte, hineinbringen und dann von diesem Punkt aus weiterverfahren. Wer sorgfältig planen will, tut gut daran, sich in diesem Fall die zukünftigen Stammbäume aufzuschreiben, damit ihm keine besonders wichtigen Eigenschaften entgehen. Eine Konzentration positiver Punkte wird ihm erwünscht sein, eine Konzentration schlechter Eigenschaften durchaus nicht, und das bemerkt man oft nur beim Aufstellen schriftlicher Darstellungen.


Sorgfältig prüfen


Während der Zeit, in der ein Züchter eine bestimmte Blutlinie verfolgt – was ein rein theoretisches Konzept ist -, ist die Auswahl der Tiere, die dann wirklich zur Zucht kommen, das Allerwichtigste. Es führt überhaupt nicht weiter, wenn man zwei Tiere paart, die zwar von ihrem Verwandtschaftsgrad her theoretisch sehr gute Nachkommen haben müssten, ohne sie genauestens überprüft zu haben! Kreuzungen, die nur auf dem Papier gut aussehen, sind unsinnig. Man muss die Tiere kritisch anschauen! Zwei Siegertiere, ideal nach dem Verwandtschaftsgrad, können zum Beispiel genau die gleichen Fehler haben (es gibt ja keine völlig fehlerlosen Sieger). Eine solche Paarung wäre lächerlich. Die Fehler würden sich nur verdoppeln und wären über Generationen hinweg nicht mehr wegzubringen! Das wäre Rückschritt, nicht Fortschritt! Vorzüge und Nachteile der zwei zu paarenden Tiere müssen genau gegeneinander abgewogen werden. Das ist nicht eine Sache des Metermaßes, sondern der Erfahrung. Wer in seiner Linie zum Beispiel zu kurze Köpfe hat und sie durch einen bestimmten Rüden gerne etwas verlängern möchte, soll die beiden Tiere genau anschauen, und zwar nicht nur die Köpfe! Wenn die Köpfe länger werden, wird es nämlich meistens auch der Rücken! – Der Wunsch nach gröberen Knochen liegt sehr nahe bei einem allgemein grobschlächtigen und unharmonischen Gesamtkörperbau! So haben viele Veränderungen auch anderweitige Konsequenzen, die durch sorgfältige Auswahl der Zuchttiere ausgeglichen werden sollten. Der gute Züchter ist fähig, alle wichtigen Punkte gegeneinander abzuwägen, so dass das Ergebnis den erwünschten Typ in ausgeglichener Form einbringt. Er findet eine echte Balance. Bei all diesem Planen ist es für den Züchter absolut unerlässlich, den Rassestandard genau zu kennen, damit er nicht plötzlich davon abweicht. Zudem muss er eine sehr klare Vorstellung von dem haben, was er erreichen will. Nur so kann er durch entsprechende Selektion unter den Jungtieren seinem Ideal näherkommen.


Lebenswichtige Faktoren nicht übersehen


Bei allem Streben nach Vollkommenheit sollte der Züchter nie die für eine Rasse lebenswichtigen Faktoren aufs Spiel setzen wie: Fruchtbarkeit, einwandfreies Wesen, Mutterinstinkte und Gesundheit der Tiere. Vorhandene Erbfehler sind strikt zu meiden. In die Liste der Eigenschaften, deren Verlust man nie riskieren sollte, gehören die gute Gebärfähigkeit der Hündinnen und einwandfreie Bewegung (gutes Gangwerk). Doch haben wir leider eine ganze Anzahl von Rassen, deren Standard Gebäudeformen vorschreibt, die kaum mehr normale Geburten und gute Bewegungsabläufe zulassen: In Rassen, wo die Geburten normalerweise komplikationslos verlaufen, wäre es ganz verfehlt, seine Linienzucht auf Tiere aufzubauen, die Geburtsschwierigkeiten haben!

Spezielle Punkte wie Farbmuster, Haarqualität, Augenfarbe, Pigmentation usw. sind weit weniger wichtig als die eben erwähnten grundlegenden Eigenschaften. Ist die Linie durch und durch gesund, können Nebensächlichkeiten oft später durch eine einzige oder zwei geschickte Paarungen hineingebracht werden. Die Eigenschaften, auf die - nach den oben Genannten – zuerst zu achten ist, sind Typ, Substanz, Ausgeglichenheit, harmonische Gesamterscheinung.


Nicht bei einmaligem Erfolg stehen bleiben


Ist eine Paarung gelungen und hat sie ein oder gar mehrere hervorragende Tiere gebracht, taucht immer die Frage auf, ob man sie wiederholen sollte. Natürlich hofft man dabei wieder, ein so gutes oder sogar noch besseres Tier zu erhalten. Die Chance, dass eine zweite und dritte Paarung wieder gleich gute Resultate ergeben, ist jedoch klein, werden doch aus Millionen von Erbträgern für jedes Einzeltier nur verhältnismäßig wenige zufällig gewählt. Wer in erster Linie züchtet, um Hunde verkaufen zu können, kann es ja mit mehreren gleichen Paarungen versuchen. Wer aber züchtet, um seinen Grundstock an Zuchttieren ständig zu verbessern, sollte davon absehen. Was nützt ihm ein Zwinger voll guter Hündinnen und Rüden, wenn sie alle Vollgeschwister sind? Will er auf sie aufbauend weiterfahren, schafft er eine sehr enge Inzucht in seinem ganzen Bestand mit dem Risiko, dass das Wesen schlechter wird, Substanz, Lebenskraft und Fruchtbarkeit verloren gehen, wie man es oft bei allzu enger Inzucht sieht. Er tut daher besser daran, für die zweite und dritte Paarung derselben Hündin andere Rüden zu wählen, jedoch aus der gleichen Linie, die aber immer wieder auch Fremdblut einführen. So hat er viel mehr Auswahl unter verschiedenen Tieren, die zwar eindeutig aus seiner Linie kommen, und doch nicht völlig ingezüchtet sind


Hart arbeiten und kritisch bleiben


Einige Züchter scheinen per Zufall oder weil der Mond gerade richtig stand, als Ben und Bessy sich paarten, einen guten Grundstock zusammenzubringen. Der weise Züchter wird sich aber nicht auf Spekulationen verlassen. Er wird immer und immer wieder viel Zeit und ungezählte Nachtstunden damit verbringen, Stammbäume zu studieren, über seine eigenen Tiere nachzudenken und die der anderen Züchter anzuschauen, um zu sehen, ob die ihn etwa weiterbringen könnten.

Spitzenklassehunde zu züchten, ist ein langer und langsamer Prozess. Eines darf der strebsame Züchter niemals tun: Sich selbst belügen und glauben, dass seine Hunde besser seien als die aller anderen Züchter, einzig und allein, weil sie ihm gehören! Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber, wenn man die eigenen Hunde kritisch betrachtet, ist der Anfang. Auch wenn man gute Hunde hat, so gibt es dennoch keinen Hund, an dem nicht etwas noch besser sein könnte!


Das ist die faszinierende Herausforderung der echten Züchtertätigkeit!